Fortschritt statt Stillstand

Als im März von heute auf morgen deutschlandweit die Schulen geschlossen wurden, war sehr schnell klar: Covid-19 ist ernst. Auch bei Violetta ging von heute auf morgen gar nichts mehr. Wir haben mit Barbara David gesprochen, wie sich Covid-19 auf die Präventions- und Aufklärungsarbeit von Violetta ausgewirkt hat und welche Lösungen geschaffen werden konnten.

Die Arbeit von Violetta basiert auf dem persönlichen Kontakt. Beratungen, Spieltherapien, Begleitung zu Gerichtsterminen, Teamsitzungen, Klassenbesuche, Präventionsprojekte, Fortbildungen… all das durfte aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht stattfinden. Wie sind Sie mit den Beschränkungen umgegangen?

Barbara David: Zunächst folgten wir selbstverständlich den Anweisungen des Gesundheitsamtes und erstellten ein Schutz- und Hygienekonzept. Aber wie ist das mit unserer Arbeit zu vereinbaren? Unsere Kreativität war gefragt! In sensationell kurzer Zeit haben wir neue Wege gefunden. Neben neuen Arbeitsweisen in den einzelnen Bereichen haben wir auch die Organisation der Beratungsstelle als Ganzes verändert.

Wie sehen diese neuen Wege aus?

Barbara David: Wir haben unsere telefonischen Sprechzeiten von wöchentlich insgesamt sieben Stunden auf täglich sechs Stunden ausgeweitet. Dafür war immer eine der Kolleginnen in der Beratungsstelle anwesend und hat Anfragen an die Kolleginnen im Homeoffice weitergeleitet. Zunächst ging es uns allerdings darum, den Kontakt zu den Mädchen zu halten. Glücklicherweise haben wir schon vor Corona Online-Beratungen angeboten. Im Homeoffice und mit Online-Seminaren haben wir uns in die technischen Möglichkeiten und die inhaltlich-pädagogischen Besonderheiten von Online-Seminaren eingearbeitet.

Darüber hinaus haben alle Kolleginnen ein Diensthandy bekommen. Damit war der Kontakt gewährleistet und wir konnten neue Beratungsanfragen entgegen nehmen. Die Beratung fand in dem Zeitraum online, per Telefon, per Video und mit Spaziergängen an der frischen Luft statt. Dies alles diente der Stabilisierung der Mädchen und jungen Frauen.

Viele Kinder und Jugendliche haben nur im sozialen Umfeld ‚Schule‘ die Chance unmittelbaren Kontakt zu Lehrkräften zu haben, die unter Umständen Verhaltensänderungen wahrnehmen können. Wie gehen die Mitarbeiterinnen von Violetta und auch die Lehrkräfte mit Kindern um, die jetzt wieder zur Schule gehen dürfen?

Barbara David: Schon vor Covid-19 gehörte sexualisierte Gewalt zur Realität von Kindern. Hier ist von ein bis zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse auszugehen. Seit den Kita- und Schulschließungen wurde in den Medien massiv auf die Gefahr von zunehmender Gewalt gegen Kinder in dieser Phase hingewiesen. Lehrkräfte, SchulsozialarbeiterInnen und MitarbeiterInnen der Jugendhilfeträger waren und sind dadurch im höchsten Maße sensibilisiert, aber auch verunsichert, wie sie betroffene Kinder schützen können.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu glauben, dass die Bedrohung von Kindern durch Gewalt im familiären und nahen sozialen Kontext beendet sei, nur weil Schulen wieder geöffnet sind. Gerade jetzt müssen wir auf Kinder achten, die in den Wochen der Kontakt- und Ausgangssperre wenig sichtbar waren. Wir haben eine Online-Fortbildung konzipiert und angeboten: „Sicher reagieren, wenn Kinder von sexualisierter Gewalt berichten“. Die Fortbildung wurde gut angenommen – gerade auch, weil eine Teilnahme zuhause per Video möglich war.

Wie geht es bei Violetta aktuell weiter?

Barbara David: Mädchen und andere Ratsuchende kommen mittlerweile wieder zu uns in die Beratungsstelle. Alle Kolleginnen arbeiten zeitversetzt in der Beratungsstelle oder im Homeoffice. So reduzieren wir die Anzahl der anwesenden Personen in der Beratungsstelle und tragen somit zum Schutz vor Ansteckung bei.

Im August sind wir in neue Räumlichkeiten in die Rotermundstraße 27 in Hannover-Vahrenwald umgezogen. Hier können wir auch wieder Präsenz-Fortbildungen für eine reduzierte TeilnehmerInnenzahl anbieten – mit Hygiene- und Schutzkonzept natürlich.

Und es gibt auch Positives zu berichten! Einige entwickelte Methoden bereichern unsere Arbeit sehr. Ohne Corona wären wir bestimmt nicht so schnell dazu gekommen, Online-Fortbildungen anzubieten oder kreative Methoden in der Beratung auszuprobieren. Die digitalen Lösungen möchten wir in jedem Fall beibehalten.

Viele Firmen und speziell auch soziale Vereine sind durch die Pandemie in wirtschaftliche Notlagen geraten. Wie erging es Violetta?

Barbara David: Das größte Problem stellten für uns die ausgefallenen Fortbildungen dar. Über diese erwirtschaften wir notwendige Eigenmittel. Die Kolleginnen haben zwar wie beschrieben zügig Konzepte für Online-Fortbildungen entwickelt und umgesetzt. Trotzdem mussten wir im Fortbildungsbereich für drei Monate Kurzarbeit anmelden, um die fehlenden Einnahmen ein wenig zu kompensieren.

Wie haben Sie persönlich die Zeit erlebt?

Barbara David: Ich persönlich bin ein sehr optimistischer Mensch. Ich habe eine schöne Wohnung im Grünen und einen Kater, der sich gefreut hat, dass ich wegen Homeoffice und der Ausgangsbeschränkungen viel mehr Zuhause bin. Berührt haben mich vor allem die Bedingungen für Menschen in prekären Situationen, für die alten Menschen in den Heimen oder die alleine zuhause leben. Die Herausforderungen vor denen Familien standen – gerade auch alleinerziehende berufstätige Frauen. Oder die jungen Erwachsenen, die in ihrer Zukunftsplanung gestoppt oder zumindest beeinträchtigt sind.

Sorgen habe ich mir um die Kinder und Jugendlichen gemacht, die durch die Angebote in Schule oder Jugendhilfe während der Ausnahmesituation nicht erreicht werden konnten.

Was wünschen Sie sich für 2021 – für sich und für Violetta?

Barbara David: Ich wünsche mir, dass die zweite vorausgesagte Welle glimpflich verläuft. Dass im nächsten Jahr ein Impfstoff gefunden wird, dass unsere Gesellschaft sich nicht weiter spaltet. Für Violetta wünsche ich mir, dass wir unsere Hilfen für die Mädchen und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer weiter anbieten können und mit Präventionsprojekten und Fortbildungen weiterhin zum Schutz vor sexualisierter Gewalt beitragen können.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

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